Daniel Pesch
Journalist.Moderator.Perfektionist.
Hotelbewertung - Grandhotel Heiligendamm

Hier ist alles weiß, was glänzt...

Wer bei Google nach "Grandhotel Heiligendamm" sucht, der stößt zuerst einmal auf zahllose Reportagen rund um das Schicksal dieses Hauses. Kurz gesagt: in den 90er Jahren entdeckte Immobilien-Jongleur Anno August Jagdfeld die Überreste des ältesten deutschen Seebades und ließ es mit Hilfe von 230 Investoren-Millionen wie Aphrodite aus der Brandung auferstehen: eines der schönsten Grandhotels Europas war geboren.

Leider konnte sich die anvisierte und verwöhnte Klientel nicht mit der eher bodenständigen Umgebung anfreunden - sie blieb ihrem Sylt/Timmendorf/Wörthersee-Beuteschema treu, der große Gästeansturm fand trotz werbewirksam inszenierten G8-Gipfels inklusive "Angela Merkel im Strandkorb"-Idyll vorerst nicht statt. Im Februar 2012 ging der "Weißen Stadt am Meer" schließlich die Puste aus, das Grandhotel Heiligendamm musste Insolvenz anmelden.

Neue Hoffnung gibt es seit Juli 2013: nach dem gescheiterten Übernahmevorhaben einer Berliner Investorengruppe hat Wirtschaftsprüfer Paul Morzynski das Grandhotel erworben, er plant umfangreiche Modernisierungs- und Erweiterungsmaßnahmen.

Ein Juwel an der Ostsee

Man kann nur hoffen, dass damit endlich Ruhe einkehrt und das Grandhotel Heiligendamm so Ruhesuchenden und Wellnessfans erhalten bleibt. Denn schon bei der Anreise wird klar, dass es sich um ein überaus stilvolles und höchst konsequent gestaltetes Juwel handelt, das zudem perfekt in Schuss ist. Weder der Anlage noch ihren durchweg professionell agierenden Mitarbeitern merkt man an, dass sich die "Weiße Stadt am Meer" lange in einer Schieflage befand. Der Check-In verläuft ebenso gekonnt wie herzlich, nervige Prozeduren wie Gepäckschleppen oder unvollständige Anmeldeformulare gibt es hier nicht. Auch das Auto wird direkt vom Valet Parking eingesammelt, allerdings veranschlagt das Grandhotel Heiligendamm hierfür einen Obolus von 25 Euro pro Tag - inklusive eines bewachten, aber nicht überdachten und somit dem Hotelniveau nicht gerecht werdenden Parkplatzes. 

Zimmer vom Feinsten - Fernseher von gestern

Wer einmal in den neuen Designer-Herbergen wie etwa dem Dormero in Frankfurt gewohnt hat, dem kommt die Multimedia-Ausstattung im Grandhotel Heiligendamm angestaubt vor: der Fernseher trägt Röhre und ein iPod-Dock fehlt ebenso wie W-LAN. Als Trost wartet ein DVD-Player, für den es an der Rezeption eine reichhaltige Film-Auswahl gibt. Mit dem schwachen Elektronik-Geschehen kann dann aber auch schon ein Punkt unter die Negativ-Liste gesetzt werden, denn ansonsten sind die Zimmer in Heiligendamm erstklassig. Hochwertiges Mobiliar, liebevolle Details (etwa die stoffbezogene Tempo-Box) und ein grandioses Badezimmer mit zuvorkommender Beleuchtung sorgen zusammen mit dem makellosen Reinigungszustand für echten 5-Sterne-Standard. Etwas schade: die Bogner-Amenities im Badezimmer sind nur Durchschnitt, früher gönnte das Grandhotel Heiligendamm seinen Gästen noch Duschgels der Edelmarke Molton Brown. Ein paar zusätzliche Ablageflächen und Kleiderbügel wären nice to have, man vermisst sie aber nicht schmerzlich.

Wichtig zu wissen: die Zimmer des Grandhotels verteilen sich auf verschiedene Gebäude, die nicht mit Tunneln verbunden sind. Während der Wintermonate streift man also durch Wind und Wetter, um beispielsweise zu frühstücken oder den Wellnessbereich zu nutzen. Mein Tipp ist in dieser Jahreszeit das Severin Palais: es beherbergt außer einem Wohntrakt auch das SPA, man muss also nicht mit Bademantel und -schlappen ins Freie.

Wellness in Reinkultur - mit kleinen Fehlern

Keine Frage, das grünlich schimmernde Schwimmbecken mit dem Kingsize-Whirlpool und den venezianisch anmutenden Liegestühlen ist eine Augenweide. Es wird von einem gut ausgestatteten, attraktiven Fitnessraum und dem herrlichen Saunabereich ergänzt, dazu gibt es enorm großzügige Umkleidezonen und - wie für dieses Haus typisch - piekfein gepflegte Sanitärbereiche. Dazu gesellt sich ein SPA-Team, das in puncto Fachkompetenz voll und ganz überzeugt. 

Leider fallen im Wellnessbereich auch die ersten Flecken auf Heiligendamms weiße Weste: jeder Gast erhält eine abgezählte Menge Handtücher, was in einem so hochkarätigen Haus kleinkariert und sogar albern wirkt. Auf die Bitte nach einem weiteren Handtuch höre ich ein spaßig gemeintes, aber dennoch deplatziertes "Na gut, ausnahmsweise - weil Sie es sind!" Ohne allzu kritisch hinsehen zu müssen, fallen weitere Schönheitsfehler auf: verschiedene Duschen sind nicht intakt oder sprühen orientierungslos in der Kabine herum, die Auflagen der Liegestühle sehen verbraucht aus und die verlassene Bar im Wellnessbereich macht mit ihrem leeren Buffet und dem ängstlich auf der Theke kauernden Telefon einen traurigen Eindruck. Zudem kommt der Whirlpool nicht vom Gast selbst per Tastendruck, sondern nur via Personal zum Sprudeln - was den stets grotesk anmutenden Anblick erwachsener Menschen zur Folge hat, die im Sprudelbecken auf der Suche nach dem richtigen Schalter umherschnorcheln.

Die Sauna bietet mit Sternenhimmel, Bio-Kabine, angedocktem Frischluft-Atrium, riesigem Hammam und Dampfbad genug Abwechslung für Wellnessfans, darüberhinaus gibt es regelmäßig kreative Aufgüsse inklusive Obst-Imbiss und Frischwasser aus dem Brunnen. Lediglich der Geruch im Dampfbad hinterlässt ein Stirnrunzeln, er bewegt sich zwischen nass-schmutzigem Beton und abgestandenem Wasser. Auf die Bitte, hier mittels Duftzusatz für Besserung zu sorgen, wurde freundlich reagiert - erfüllt wurde sie aber nicht.

Frühstück mit Klasse, Zimmerservice nur Masse

Ganz klar: wer im Sommer auf der Terrasse vorm schneeweißen Kurhaus mit Blick auf die Ostsee frühstückt, der muss sich die Frage danach gefallen lassen, was er jetzt schon wieder richtig gemacht hat! Dieser Platz ist eine Belohnung für die Sinne, flankiert von einem überaus reichhaltigen und hochwertigen Frühstücksbuffet. Einen unauffälligen Punktabzug gibt es für die etwas bröseligen Brötchen und das blassgrün leuchtende (aber dennoch leckere) Rührei, zudem ist das Küchenpersonal etwas langsam im Nachfüllen leerer Stationen. Tipp: frisches Obst, Bio-Joghurt vom hauseigenen Gut "Vorder Bollhagen" und obendrauf die heiligendamm-exklusive Erdbeer-Coulis - 1a!

Die Mitarbeiter halten da größtenteils mit, sind aufmerksam und freundlich. Allerdings macht sich hier ausnahmsweise die nicht unproblematische Situation des Hauses bemerkbar, denn manche Service-Kräfte wirken lustlos und unmotiviert. Besonders unangenehm kam das bei einem jungen Kellner zum Ausdruck, der mir ungefragt seinen weiteren beruflichen Werdegang mitteilte und dabei klarstellte, Heiligendamm ohne größeres Bedauern zu verlassen. Irgendwie menschlich, andererseits hat eine solch gequälte Anekdote im Urlaubsempfinden eines Gastes absolut keinen Platz.

Das Gourmetrestaurant "Friedrich Franz" und die "Baltic Sushi Bar" blieben von mir unberührt, da ich im Urlaub gerne auswärts zu Abend esse. Lediglich den Zimmerservice habe ich an einem Abend bemüht - was leider eine nachgerade durchschnittliche Erfahrung bleiben sollte. Das Wiener Schnitzel wurde mir zwar von einem sehr freundlichen Mitarbeiter in der Hot-Box serviert und mit einer lebendigen Blume dekoriert, allerdings erwies es sich als unauffällig arrangierte Massenware: Raffinesse fehlte ebenso wie die (später nachgereichte) Sauce, das Brot dazu fiel mehr durch Härte als durch Geschmack auf und die durchweg normalen Bratkartoffeln konnten auch keinen Boden mehr gut machen. Nicht schlecht, gewiss - aber für dieses Hotel insgesamt betrachtet trotzdem zu wenig.

Housekeeping von der besten Sorte

Meine etwa 90-minütigen Ausflüge zum Frühstück inklusive Spaziergängen danach reichte dem Housekeeping stets voll und ganz, um mein Zimmer wieder auf Vordermann zu bringen. Leere Notizblöcke wurden ebenso zuverlässig aufgefüllt wie verbrauchte Duschgels im Bad, piccobello sauber war es außerdem. Das gleiche gilt für den aufmerksamen Turndownservice am Abend (Betthupferl inbegriffen) und die gründlichen Schuhputz-Geister in der Nacht: alles bestens! Ein Kontrollblick auf die Wagen der Zimmermädchen zeigte zudem, dass hier nicht mit offenen Gästelisten gearbeitet wird, im Team herrscht also ein gesundes Sicherheitsverständnis.

Eine Umgebung für Ruhesuchende

Wer auf die ewig dröhnende Sylter Sansibar steht oder ohne den Catwalk von Velden nicht leben kann, den könnte die gepflegte Stille rund um Heiligendamm in eine tiefe Langeweile stürzen. Alle anderen werden einfach nur glücklich - so wie ich. Das Grandhotel-Areal ist ideal für ausgiebiges Laufen geeignet, und wer dann durch die Wälder neben der fast disneyhaft anmutenden Burg Hohenzollern streift, gelangt zwangsläufig zu meinem persönlichen Highlight: eine noch nicht renovierte Villa im lupenreinen Heiligendamm-Stil, das "Alexandrinen Cottage". Schlagartig sammelten sich in meinem Kopf die allseits bekannten "Wenn ich im Lotto gewinne"-Gedanken, denn dieses Schmuckstück könnte man aus dem Dornröschenschlaf wecken und zu einer atemberaubenden Location machen. Allein: der Preis ist nicht nur hoch, er ist zurzeit unbezahlbar; das "Alexandrinen Cottage" ist bis auf weiteres unverkäuflich und wird daher noch eine ganze Weile als Projektionsfläche für meine Immobilienträume herhalten müssen...

FAZIT

Das makellose Hotel gibt es nicht, und wenn doch, habe ich bisher noch nicht darin gewohnt. Kleinere Macken finden sich in den tollsten Häusern, manchmal mehr (etwa im Steigenberger Hotel Bad Homburg) und manchmal weniger. Zu den Hotels, die eindeutig weniger Macken haben, gehört Heiligendamm. Angefangen von der erstklassigen Servicekultur über die beeindruckende Anlage bis hin zum angenehm dezenten Klientel habe ich mich hier so wohl gefühlt, dass kleinere Unzulänglichkeiten nicht besonders ins Gewicht fallen konnten. Die Tatsache, dass Heiligendamm zurzeit (2012/ 2013) mit besonders verlockenden Arrangements um neue Gäste wirbt, sollte Freunde der exklusiven Hotellerie meines Erachtens zu einem Besuch motivieren.

GESAMTNOTE: 2+

 

Zurück zur Übersicht

Klicken Sie sich durch die Heiligendamm-Fotogalerie:

Der Rasen vorm Kurhaus mit Blick aufs Meer
Das Kurhaus mit Frühstücks-Terrasse
Sonnenuntergang vom Zimmer aus betrachtet
das Zimmer baut sich u-förmig ums Bad auf
100% Marmor im großzügigen Badezimmer
die Kissen-Armada auf dem Luxusbett
sogar der Kinderhort steckt in einer Villa
wartet auf sein Erwachen: das Alexandrinen-Cottage
viel Raum für ein feudales Frühstück
der Steg von der Ostsee Richtung Hotel-Areal