Daniel Pesch
Journalist.Moderator.Perfektionist.
Hotelbewertung - Kempinski Hotel Bristol Berlin

Wenn ein Haus Geschichten erzählt...

Hilde Knef hat hier gewohnt und sich leidenschaftlich mit Curd Jürgens in den Haaren gelegen (und danach gerüchteweise wieder mit ihm im Bett). Albert Einstein entspannte seine hocheffektiven Gehirnzellen im Kempinski Hotel Bristol Berlin (Kenner nennen es liebevoll "Kempi") und Bundespräsident Richard von Weizsäcker drehte fast täglich seine Runden im Pool. Die erste IAA fand 1897 hier statt, in einem Hotel, das lange das einzige mit 5 Sternen in ganz Berlin war. 2012 wurde das Kempi 60 Jahre alt.

So nah dran, am Ku'damm

Und da haben wir sie wieder, die Theorie von der Wichtigkeit der Lage! Praktischer als das Kempi kann ein Hotel in der Hauptstadt gar nicht positioniert sein: wer das imposante Portal zur Straße durchlaufen hat, steht direkt auf dem legendären Ku'damm. Von hier aus bietet sich ein Blick aufs Kempi, der den Charme des Hauses ohne Umschweife charakterisiert: eine Architektur ohne marktschreierische Design-Mätzchen à la Estrel Hotel, dafür mit dem Glanz einer Zeit, in der 5 Sterne noch etwas ganz Besonderes waren. Auf einen kostenlosen Parkplatz sollten liquide Sparfüchse nicht hoffen, aber im wohlwollend formuliert "quirligen" Berlin sollte eine standesgemäße Karosse sowieso nicht einfach so an der Straße stehen. 21 Euro sind denn auch fürs Valet-Parking ebenso anspruchsvoll wie gut angelegt.

So fühlt sich ein Grandhotel an

Der Check-In geht fix und professionell über die Bühne, ich muss keine Anmeldezettel ergänzen und schon gar nicht mein Gepäck zum Zimmer wuchten - das hat mir der Page schon am Auto abgenommen. Vollendet würde das Procedere durch Informationen zum Frühstück und mit der Frage nach einer Tageszeitung, beides bleibt jedoch aus. Ich kann das in diesem Moment aber gar nicht weiter dramatisch finden, weil die Empfangshalle mit ihrem geradezu inflationär ver(sch)wendeten Marmor meine ganze Aufmerksamkeit bekommt. Auch die kleine Ladenstraße - der "Kempinski Boulevard" - ist ein Relikt mit Noblesse, wenngleich eine der Luxusboutiquen mit einem unterhaltsamen Ausrutscher verwirrt: hier kann der Kunde angeblich Couture von "Lagarfeld" kaufen. Doch keine Sorge: es handelt sich nicht um Repliken vom türkischen Bazar, sondern schlicht um einen Schreibfehler. In dieser Umgebung fällt noch die Club-Lounge auf, in der ganztägig Snacks serviert werden und die sich unter Berlins Upper Class großer Beliebtheit erfreut.

Wenn Zimmer im Kempi, dann Neubau

Der Weg zum - äußerlich kaum wahrnehmbaren, aufgrund der Ausstattung aber vorteilhaften - Neubau ist weit genug, um sich über die Hilfestellung des Pagen zu freuen. Auf dem Weg zum Aufzug plaudert er etwas aus dem Promi-Nähkästchen, womit er leider nach der Ankunft im gediegenen Zimmer nicht mehr aufhören möchte. Nach einem mehr oder weniger diplomatischen Hinweis gönnt er mir dann aber doch etwas Privatsphäre - und die genieße ich! Das Zimmer ist geräumig, höchstwertig ausgestattet und wartet mit einem schönen Ausblick auf. Dass es neben dem vielseitigen Luxusbad mit großer Regendusche und Badewanne noch ein Gäste-WC gibt, wissen Paare möglicherweise zu schätzen. Bleiben wir ruhig im Bad: Ablageflächen sind eindeutig Mangelware, und die zurecht gescholtenen Produkte der hauseigenen Kempinski-Pflegeserie (Mitte 2013 erneuert) geben für das Ambiente zu wenig her. Ein Kompliment hat die Beleuchtung verdient, ich fühle sich in diesem Bad ein ganzes Stück attraktiver als sonst.

Zurück im Wohnbereich fällt mir ein extrem gemütliches, jedoch schon im Winter sehr warm-weiches Bett auf, in dem es sich während der folgenden Nächte vortrefflich schlummern lässt. Mein Lieblings-Stück ist allerdings ganz klar der lederne Schreibtischstuhl aus Walter Knolls überragender FK-Serie. Er ist bildschön und sogar noch bequemer als Sofa & Sessel. Charmant finde ich den goldenen Fensterrahmen als Reminiszenz an die historische Kempi-Fassade, enttäuschend dagegen die iPod-Station: sie funktioniert nämlich nicht. Mit der einfach und effektiv arbeitenden Klimaanlage habe ich dagegen sofort Freundschaft geschlossen, die Minibar ist groß genug für meine mitgebrachte Literflasche Pepsi light und der Fernseher lässt sich in alle erdenklichen Richtungen drehen.

Über den Sauberkeitszustand des Zimmers gibt es nur ein Wort zu verlieren: perfekt!

Ein Schwimmbad unter Berlin

Als Wellnessfan interessiert mich natürlich, wie das original 60er-Jahre-Hotel-Schwimmbad (das erste Berlins) heute noch mithalten kann. Vorweg: in puncto Charme hat es mich gewonnen. Der großzügige, ovale Pool wird von orientalisch anmutenden Fließen gesäumt, es gibt die herrlich schrulligen Kassetten-Spiegelwände vergangener Epochen und einen winzigen Fitnessraum, der aber immerhin vernünftig ausgestattet ist. Meine Toleranz wird erst im Saunabereich an die Grenze getrieben: er ist finster, beengt, wirkt ungepflegt und deprimiert eher als dass er entspannt. Das eiskalte Tauchbecken ist lobenswert, der 99cent-Plastikhocker in der Dusche unverständlich und das Dampfbad dunkel-mysteriös. Trotzdem: Enttäuschung kommt im Wellnessbereich keine auf, denn es gibt ein Gegengewicht, das bundesweit vermutlich einmalig ist. Dieses Gegengewicht trägt den Namen "Harry", arbeitet hier als Poolchef und verwöhnt seine Gäste mit einer Natürlichkeit, dass es mir nach langer Zeit mal wieder warm ums Herz wird. Harry begrüßt mich persönlich, widmet mir ein kurzes Gespräch und übertrifft sich dann selbst, als er mir einen Obstteller mit mundfertig filtetierten Früchten kredenzt. Das macht Harry bei jedem seiner Poolgäste so, und zwar nicht nur am ersten Tag, sondern grundsätzlich. Immer. Wenn das Kempi ein Aushängeschild hat, dann ist er das!

Frühstück: Championsleague!

Kurioserweise verfügt das Kempi nicht über ein eigenes Restaurant fürs Frühstück, sondern nutzt die Räume des angrenzenden "Reinhard's". Es verströmt die Atmosphäre eines feinen Pariser Bistros und ist am Morgen meines Besuchs (etwas zu) sehr belebt. Noch dazu strahlt der platzzuweisende Kellner eine unangenehme Mischung aus Hektik und Arroganz aus, was den Start in den Tag - grundsätzlich eine sensible Zeit - nicht eben entspannter macht. Gut, dass der Mann eine Kollegin hat, die sein fragwürdiges Auftreten egalisiert: Gabi Baasner. Wäre ich nicht tags zuvor schon so begeistert von Poolchef Harry gewesen, hätte sie meine Berliner Service-Medaille bekommen, denn freundlicher, liebenswerter und zugleich amüsanter als Frau Baasner sind nur sehr wenige Servicekräfte. Frisch gepresster Saft aus drei verschiedenen Sorten? Keine drei Minuten, und ich schlürfe dran. Eine kalte Schokolade statt einer heißen? Ruck-zuck steht sie, frisch angerührt und ideal abgestimmt, vor mir. Überhaupt ist dem in einer überdimensionalen Landhaus-Küche angerichteten Buffet nur erfreuliches nachzusagen: die Brötchen wirken backfrisch, der Fisch wie auch die Wurst aromatisch und zart, die Müslistation opulent und die Früchte geradezu karibisch. Caprese, Nürnberger Würstchen und Frikadellen sind von guter Machart, eine echte Empfehlung hat allerdings das Omelet verdient, das mir Frau Baasner strahlend serviert: top gewürzt, nicht zu groß und mit hochwertigen Zutaten schmeckt es ganz einfach klasse!

Housekeeping mit eklatanten Schwächen

Dass nach meinem 90-minütigen Ausflug zum Frühstück noch niemand in meinem Zimmer war, nehme ich hin. Dass sich daran aber auch vier Stunden später (!) nichts geändert hat, tut weh! Ein Anruf bei der Rezeption bringt die unzureichende Erkenntnis, dass das Hotel heute "sehr gut gebucht" sei und dass ärgerlicherweise noch eine Grippewelle das Housekeeping geschwächt hat. Bei aller Menschlichkeit, aber für solche Schnitzer haben Gäste eines Grandhotels in der Regel kein Verständnis. Als dann auch noch meine zu putzenden Schuhe im Orbit des Kempi verschwinden und erst nach intensiver Suche wieder auftauchen, entscheide ich mich für ein hartes, aber meines Erachtens faires Urteil über das Housekeeping: schwächste Abteilung des Hauses! Immerhin, das Sicherheitsgefühl stimmt: auf den Reinigungswagen liegen keine offenen Gästelisten aus und als ich ein Zimmermädchen bitte, mir aufgrund eines angeblich vergessenen Schlüssels aufzusperren, weigert sie sich mit freundlicher Bestimmtheit.

Die vielleicht beste Minestrone der Welt

Eigentlich will ich mir einen schönen Abend im legendären "Kempi-Grill" machen, dem hauseigenen Restaurant mit schillernder Geschichte und feinstem Ambiente. Dann aber rafft mich ein Überraschungs-Schnupfen dahin, weshalb ich auf dem Zimmer bleibe und in der Roomservice-Karte wildere. Eine tomatisierte Minestrone sowie einen Salat Nicoise habe ich dabei erbeutet, und nachdem beides innerhalb der versprochenen 30 Minuten vor mir steht, möchte ich es doch gar nicht anrühren. Es schaut, gerade für die Kategorie "Etagenservice", grandios aus. Und so schmeckt's auch: die Minestrone ist regelrecht einfühlsam gewürzt, jeder Extra-Salzkristall wäre Frevel. Das dazu gereichte Brot ist frisch und fluffig, der Salat Nicoise hält exakt das Gleichgewicht zwischen genug und nicht zu viel Dressing, noch dazu ist seine Frische bei jedem Bissen schmeckbar. Nach dem Essen und einem kurzen Anruf im Restaurant wird der Servierwagen blitzschnell in weniger als 5 Minuten abgeholt - top!

FAZIT

Das Besondere am Kempi ist sein Selbstverständnis, das sich auf die Mitarbeiter im Service und am Empfang überträgt: hier herrscht ein vergnügtes Verhältnis zum Luxus, das Team nimmt den Gästeanspruch zwar ernst, lässt aber Raum fürs "Menscheln". So entsteht eine Atmosphäre, die ein neues, durchgestyltes 5-Sterne-Haus vermutlich nie erlangen wird und die man dem Kempi niemals mehr nehmen kann. Dass es obendrein erstklassige Zimmer und ein erlesenes Frühstück bietet, passt ins Gesamtbild - das arg schwache Housekeeping und der vernachlässigte Saunabereich dagegen nicht. Aber es wäre ja auch schade, wenn nach 60 Jahren eine Form purer Perfektion die allgegenwärtige Menschlichkeit verdrängt hätte...

GESAMTNOTE: 2+

 

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Der Kempi-Ausblick auf Berlin
Feines Bad mit etwas wenig Fläche
Luxusbett für alle, die es weich mögen
hochwertiges Mobiliar, edles Ambiente